Harnischfechten beim PSV

Seit einiger Zeit kann man bei uns nicht nur Langschwert nach Lichtenauer, sondern auch Harnischfechten nach Hans Czynner trainieren. Was es damit auf sich hat, erfahrt ihr im folgenden Beitrag.


von: Heinz Praßl

Harnischfechten ist historisches Fechten im Harnisch, also in Vollrüstung oder umgangssprachlich in der Ritterrüstung. Im Gegensatz zum Bloßfechten bedeutet das, gegenüber Schnitten, Stichen und Hauen weitgehend geschützt zu sein. Nur sehr wenige, kleine Stellen können bedroht und angegriffen werden, z.B. die Sehschlitze im Visier oder die etwas schwächere Rüstung bei Gelenkinnenseiten wie bei den Achseln, Kniekehlen und Ellbogenbeugen. Ansonsten braucht es sehr viel Gewalt um den „Harnisch“ (die Panzerung) zu durchbrechen. Daher ergeben sich gegenüber dem Bloßfechten völlig andere Kampftechniken. So wird das Lange Schwert weitgehend in der Halbschwerttechnik bzw. kurz (die linke Hand greift in die Mitte der Klinge) geführt und es gibt hauptsächlich Stiche zu den Augen, in die Achsel oder Schläge mit der Spitze der Parierstange auf den Kopf („Mordschlag“ bzw. „Mordhau“). Die Halbschwerttechnik wird verwendet, weil sie kräftigere und präzisere Angriffe ermöglicht. Wenn diese Angriffe „gebrochen“ werden, also abgewehrt werden, folgen meist Ringtechniken und man versucht den Gegner durch Würfe, Hebel und dergleichen zu Fall zu bringen.

Aufgrund der Rüstung und der eingesetzten Kampftechniken ist beim Harnischfechten der Abstand zwischen den beiden Kämpfenden geringer als beim Bloßfechten und man kommt fast immer in den Nahkampf bzw. in den Nahkampf. Harnischfechten wird sowohl zu Fuß als auch vom Pferd aus (dann meist als Rossfechten bezeichnet)ausgeführt. Die eingesetzten Waffen beim Harnischfechten sind Langes Schwert, Dolch und Mordaxtbzw. Hellebarde (Mordaxt und Hellebarde nur beim Kampf zu Fuß) sowie der eigene Körper bei den Ringtechniken. Die eingesetzten Harnischfecht-Techniken entstammen wie beim Bloßfechten historischen Quellen bzw. Fechtbüchern. Abhängig von der Zeit in der diese Fechtbücher verfasst wurden, variieren die Techniken etwas. Dies ist der Veränderung der Rüstungen bzw. Harnische vom 14. bis ins 16. Jahrhundert geschuldet. Beim PSV Graz – Sektion historisches Fechten wird Harnischfechten vor allem nach der Fecht- und Ringlehre des Hans Czynner (1538) ausgeübt und gelehrt. Die einzigeerhaltene Handschrift dieses Fechtbuches, welches auch als Passauer Fechtbuch bezeichnet wird, befindet sich an der Universitätsbibliothek in Graz (MS. 963). Dabei handelt es sich um ein recht spätes Fechtbuch und die darin enthalten Kampftechniken sind an Rüstungen angepasst, die abgesehen vom Sehschlitz im Visier und der schwächeren Rüstung bei den Achseln keine Angriffsflächen bieten. Weitere genutzte Fechtbücher sind Gladiatoria (1435 / 1440) und die Fechtlehren des Martin Hundfeld (1452) und des Peter Falkner (1490 / 1495). Um die Fähigkeiten im Ringen noch zu erweitern, wird auch Bloßringen nach Fabian von Auerswald (1537 / 1539) ausgeübt und gelehrt.

Für das Harnischfecht-Training beim PSV benötigen Anfänger (schlag-)feste Handschuhe, feste Schuhe
(wenn im Freien trainiert wird), eine (abgeklebte) Sicherheitsbrille und bequeme (Sport-)Kleidung. Zum Einsatz kommen anfangs Holzschwerter und Holzdolche (diese stehen zur Verfügung). Später werden noch eine stichfeste Fechtmaske, Fechtjacke, Fechthose (wer will), ein stabiles Langes Schwert, ein Scheibendolch und eine Mordaxt (wer will) benötigt. Ein Harnisch bzw. eine Metallrüstung ist nicht notwendig und wird auch nicht gefordert. Jede/r kann sich aber natürlich eine entsprechende Rüstung anschaffen, sofern man es sich leisten kann und will. Beim Training kommen auch historische Ringtechniken zum Einsatz, die große Ähnlichkeiten mit Techniken aus asiatischen Kampfsportarten bzw. aus Selbstverteidigungskursen haben. Daher sollte man keine Scheu haben in den Nahkampf zu gehen.

Heinz Praßl ist seit über 18 Jahren Harnischfechter, Czynner Interpret, Reenactor und seit 2020 der einzige geprüfte Übungsleiter für Harnischfechten in Österreich. Vor 20 Jahren begründete er den Grazer Reenactment Verein Bluot zi Bluoda mit, wo auch Auftritte vor der Öffentlichkeit erarbeitet werden. Heinz befasst sich außerdem mit Ringen nach von Auerswald, und Paulus Hector Meier sowie Mordaxt nach Falkner.

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Editiert von Gerhild Grabitzer, Fotos von Leonie Meindl

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