Historisch fechten

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Also doch modern!

In gewisser Weise sind wir natürlich im 21.Jahrundert unterwegs: wir haben nicht Gegner, sondern Partnerinnen und Partner, wir wollen Treffer setzen, aber nicht verletzen oder töten, wir fechten nicht zur Wiederherstellung verletzter Ehre oder zur Erlangung eines Gottesurteils sondern aus Freude am gemeinsamen Spiel mit alten Techniken. Wir packen uns in Schutzausrüstung ein, um unseren Partnern und Partnerinnen zu ermöglichen, Techniken sauber (und daher auch schnell und mit einer gewissen Kraft) auszuführen, ohne ständig darauf achten zu müssen, uns nicht zu treffen und zu verletzen. Wir verwenden moderne Medien, um uns als Verein zu präsentieren (danke Gerhild!) um auf die alten Handschriften und frühen Drucke zugreifen zu können, uns mit anderen Vereinen auszutauschen und Fechtschulen oder Seminare vorbereiten zu können. Da wir uns immer wieder auch mit anderen Fechterinnen und Fechtern in Turnieren messen, verändert sich das historische Fechten zusätzlich in Richtung eines modernen Sports: mit Schutzausrüstung und stumpfer Fechtfeder kann man sich viel riskantere Techniken und Manöver erlauben als im ursprünglichen Setting, bei dem allenfalls eine Polsterjacke getragen wurde, herzlich wenig Schutz vor einer scharf geschliffenen Waffe. Hier versuchen wir bewusst, in unserem Training an den viel vorsichtigeren Umgang in einem realen historischen Gefecht anzuknüpfen.

Spielt ihr Ritter?

Nein. Wir trainieren freies Fechten ohne Choreographie und Absprachen, diese Form des Kampfes eignet sich nicht für Vorführungen auf Märkten oder Festen im Stil des Mittelalters. Um Schaukämpfevorführen zu können, wäre eine völlig andere Form des Trainings nötig, da hier üblicherweise auf Schutzausrüstung weitgehend verzichtet wird und stattdessen historisches Gewand bzw. historische Rüstungen getragen werden. Außerdem werden im Schaukampf eigene Schaukampfwaffen verwendet, die in der Regelschwerer und daher anders zu handhaben sind. In diesem Setting wäre ein freies Gefecht viel zu riskant und daher unsinnig. Allerdings sind einige unserer Mitglieder auch in historischen Vereinen engagiert, in denen Schaukämpfe oder Vorführungen historischer Fechttechniken trainiert und vorgeführt werden, etwa „Bluot zi Bluoda“ . Überdies ist das lange Schwert genau genommen eine Waffe aus der Zeit, als das Rittertum in Europa langsam aber sicher dabei ist, überflüssig zu werden und von neuen Konzepten der Kriegführung abgelöst wird. In einer klassischen Schlacht unter Rittern wäre diese Schwertform auch nur eine bedingt taugliche Waffe, da sie nicht dafür gebaut wurde, gegen einen Gegner in Plattenrüstung anzutreten, dafür gibt es bessere „Werkzeuge“. Ritterlich ist höchstens unser Verhalten vor, während und nach einem Gefecht.

Die dreizehnten Krieger


Wir sind weder der erste noch (hoffentlich) der letzte Verein, der sich dem Training historischer Kampftechniken widmet und stehen damit in einer richtig langen Tradition: 1474 wird in einem Kassenbuch in Frankfurt am Main erstmals die Fechterzunft “Bruderschaft von St. Markus vom Löwenberge” erwähnt, die allgemein als Marxbrüder bekannt waren. Sie erhielten einige Jahre von Kaiser Friedrich III. den Privilegienbrief, der sie zum Führen des Titels „Meister des Schwerts“ und zur alleinigen Erteilung von Fechtunterricht im Heiligen römischen Reich berechtigte. Erst 1570 bekamen sie mit den Prager Federfechtern (eigentlich „ Gesellschaft der Freifechter von der Feder von Greifenfels“) Konkurrenz. Österreich verfügt gegenwärtig über eine außerordentlich lebendige, bunte HEMA-Szene mit über 20 Vereinen, die sich seit 2004 unter dem Dachverband für historisches Fechten (ÖFHF) versammelt und um gemeinsame Regeln für Training und Turnierkämpfe, Standards bei der Ausrüstung und den Kontakt zu internationalen Fechtverbänden bemüht. Als dreizehnte Sektion im PSV Graz sind wir allerdings die Ersten, die innerhalb des PSV historische europäische Kampfkunst trainieren.
Unsere Mitglieder sind zwischen 15 und 56 Jahren alt, zur Zeit hat der Verein 25 Mitglieder, von denen ca 15 regelmäßig an einer oder zwei Trainingseinheiten pro Woche teilnehmen. Üblicherweise trainieren wir in der Turnhalle der Dienststelle Karlauerstraße in Graz, es kann aber auch vorkommen, dass ein Vereinsmitglied, das ausgedehnte Landgüter in der mittleren Südoststeiermark sein eigen nennt, uns zum Training im Freien einlädt (danke Margit, danke Wolfdieter!). Wir haben auch schon in Gärten in Graz unter alten Obstbäumen und umgeben von Bienenweiden trainiert (danke Rainer, danke Gudrun, danke Gerhild, danke Heidrun!). Fechten im freien klappt wunderbar, vor allem, wenn das Erdäpfelgulasch über dem Feuer noch nicht ganz fertig oder wenn die Mehlspeise schon wieder fast verdaut ist. Kaum wird der Himmel aber trüb sind wir gleich wieder begeisterte Hallenfans…
Gäste, die zu einem Probetraining kommen und EinsteigerInnen bringen zu den ersten Einheiten einfache Trainingskleidung und Hallenschuhe mit und können auf die vereinseigenen Bestände an Schutzausrüstung und Fechtfedern zurückgreifen. Wer länger beim Training bleibt, möchte irgendwann einmal in der eigenen Fechtmaske schwitzen und besorgt sich eine. Will man sich gleich mit einer vollständigen, brauchbaren Ausrüstung für historisches Fechten ausstatten, sollte man 800 1000 Euro an Ausgaben einkalkulieren. Damit ist historischen Fechten kein wirklich billiger, aber auch kein teurer Sport. Unsere Fechtfedern kaufen wir bei Schwertschmieden, von denen es in Mitteleuropa ein gutes Dutzend gibt, die Schutzaurüstung ist im Fechtsporthandel erhältlich. Als Sektionsobmann und de facto Gründer der Sektion kümmert sich KI Rainer Grabitzer hingebungsvoll um die vielen kleinen und großen Pflichten, die unsere Gruppe bestehen und funktionieren lassen.


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